DIE NOTKIRCHEN

historisches Foto

Inneres einer Notkirche (Gnadenkirche Chemnitz-Borna, 2014)

Überall in Deutschland, das nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern lag, waren Gotteshäuser zerstört. Überdies strömte eine große Zahl von Flüchtlingen evangelischer Konfession in traditionell katholische Gegenden und ließ sich dort nieder.

Um dem überall spürbaren Mangel an Gotteshäusern zu begegnen, stellten der Weltrat der Kirchen, der Lutherische Weltbund, die Evangelical and Reformed Church (USA), die Presbyterian Church (USA) und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz Geldmittel zur Verfügung, mit denen das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland behelfsmäßige Bauten als Notkirchen beschaffen sollte.

Die Leitung des Hilfswerkes sah aber in Barackenbauten keine angemessene Lösung für das Problem und bat den Architekten Otto Bartning um einen Notkirchenentwurf, der sowohl den materiellen und finanziellen Möglichkeiten der Zeit als auch den theologischen und ästhetischen Ansprüchen an ein Kirchengebäude gerecht würde.

Bartning übernahm den Auftrag und entwickelte als Leiter der Bauabteilung des Hilfswerkes in Neckarsteinach ein Typenprogramm, das die Vorteile serienmäßiger Produktion mit der Verwendung örtlicher Baumaterialien verband. Die tragende Konstruktion der Kirchengebäude (4 verschiedene Typen mit 350 bis 440 Sitzplätzen) bestand aus fertig gelieferten Holzbauteilen, die in ein bis drei Wochen montiert waren, während das Außenmauerwerk zumeist aus den am Ort vorhandenen Trümmern gewonnen wurde.

Die materielle Umsetzung war aber nicht der einzige Aspekt in Bartnings Konzeption. Eine Notkirche braucht eine "Notgemeinde", was für Bartning nicht gleichbedeutend war mit "Gemeinde in Not", und der Architekt entwickelte aus diesem Ansatz Bauformen, in denen eine Frömmigkeit ihren Ausdruck fand, die von den Erfahrungen der Schuld, der Notgemeinschaft und eines neuen, bescheideneren, hoffnungsvolleren Aufbruchs geprägt war.
(Lesen Sie auch die Notkirchen-Rede!)

48 dieser großen Notkirchen wurden von 1948 bis 1951 gebaut.

Im Jahr 1950 wurden weitere Mittel von den gleichen Gebern für den selben Zweck gestiftet und eine zweite Serie von diesmal kleineren Bauten begonnen. Diesmal ging man mehr kommerziell vor, so dass die ursprünglich angestrebte Zahl von 40 Gemeindezentren und Diasporakapellen überboten werden konnte; das Werkverzeichnis Otto Bartnings nennt wiederum 48 Gebäude. Während die Notkirchen in allen 4 Zonen Deutschlands gebaut wurden, umfasst das Werkverzeichnis jetzt nur noch Orte in Westdeutschland; aus Gründen, die noch unerforscht sind, wurden aber mindestens 8 weitere Diasporakapellen in Ostdeutschland errichtet.
Eine davon war die Cyriakkapelle.

Die örtlichen Arbeiten (Erdaushub und Fundament) wurden mit 6. - 8.000 DM veranschlagt, der gesamte Aufbau mit Dach, Deckung, Blechnerarbeiten, Kreuz, Innenwänden, Decke, Fußböden und erprobten Isolierungen, einschließlich Montage kostete 17.690 DM. Türen, Fenster, elektrische Installation bis hin zu allem Zubehör von Liedtafel bis Blitzableiter konnten mitbestellt werden. 


 

Was ist eine Notkirche?
Auszug aus einer Rede Otto Bartnings


Damit bin ich nun doch wieder bei der Notkirche angelangt, vor deren Problematik mich das Genfer Schweigen solange bewahrte. Im November 1947 aber, als ich gerade in Berlin war, ereilte mich telefonische Nachricht: Der "Weltrat der Kirchen in Genf", "Lutheran World Federation", "Evangelical and Reformed Church", "Presbyterian Church" und "Schweizer Hilfswerk" haben 40 Notkirchen, 40 mal 10000 $ gestiftet.

Grosse Erfüllung! Herrliche, wohl einzigartige Aufgabe, nicht nur an 40 Orten in Deutschland Notkirchen zu bauen, sondern auch durch Einkauf ausländischer Zusatzstoffe deutsche Industrien und Gewerbe in Gang zu setzen. Diejenigen, die mir die Nachricht meldeten, erwarteten wohl, ich würde laut aufjubeln. Und ich dachte eigentlich selbst, ich müßte es tun. Aber ich verstummte, ging auf die Straße und wanderte stundenlang durch die Trümmerfelder, wie ein Besessener, wie ein Verurteilter.

40 Notkirchen. Gab es denn 40 Notgemeinden? Oh ja, 40, 400, 4000 Gemeinden in Not. Aber wird es 40 Gemeinden geben, deren Not lebendig ist? Nicht solche, von deren 5 - 10000 Seelen allsonntäglich 300 treue Schäflein kommen, sich am feierlich-freundlichen Raum, am seelischen Comfort des von Kindheit vertrauten Gottesdienstes zu erbauen und an der schönen Predigt - die, je ,,schöner" sie ist, desto eher im Lehnstuhl am Radio genossen werden kann? Müßte nicht die Predigt in einer Notkirche eine Notpredigt sein, daß man vom Lehnstuhl aufspringt, klopfenden Herzens: dort muß ich hineilen, da muß ich mitten drunter sein? Und so der Gesang. In die Notkirche paßt keine Orgel mit 40 Registern, Kombinationen und Knieschwellern für alle Möglichkeiten von Bach bis Reger, für die Kirchenkonzerte, wie der Organist sich wünscht zum Ausgleich dafür, daß er allsonntäglich das dünne Gezirpe der Gemeinde unterfüttern und überfluten muß. Nein, lieber eine Weile gar kein Gesang, bis er eines Tages aus der freudigen Not der Herzen neu hervorbricht, so wie in Heiliggeist zu Heidelberg am 4. Advent 1545 plötzlich mitten in die Messe hinein die Gemeinde in ein Reformationslied in deutscher Sprache ausbrach, so daß die Priester entflohen. Zu solchem echten Not-Gesang paßt eine Notorgel von 5 Registern - wie sie mancher Kirchenmusiker lang schon empfiehlt. Jetzt aber bekommt auch dieses Stilgebot der Enthaltsamkeit erst Sinn. Drum auch keine drei oder fünf Glocken, obwohl man sie ja jetzt noch bezahlen könnte, samt elektrischem Antrieb, damit der Küster das erhebende, peinlich genau sich wiederholende, tote Geläut mit einem Griff in Betrieb setzen kann. Nein, zur Notkirche gehört eine Notglocke. Mag das Glockenseil in der Kirche hängen und mag doch zum Vater-Unser Einer aus der Gemeinde aufstehen und vor aller Augen läuten, jedes mal so, wie es die Herzensnot des Gebetes gerade gebietet.

Genug, genug. Ich denke wahrlich nicht an liturgische Reformen. Denn sie sind nichts wert, wenn sie nicht der notwendige, der gar nicht zu unterdrückende Ausdruck, die ganz einfältige Notgebärde einer echten, lebendigen Seelennot sind - ganz so, wie wir Architekten uns kein Material und keine handwerkliche oder technische Form erlauben durften, die nicht notwendig und ehrlich war und darum schließlich uns gültig und also schön erschien, also daß die zuvor nur geahnte Einheit von Stil und Sinn Erlebnis wurde.

Die Notgemeinde braucht keine neuen Dogmen und Regeln, aber sie soll ihren Pfarrer bedrängen, daß jeder Gottesdienst ein echter Notgottesdienst wird. Ihr Jungen, laßt ihm nicht Ruhe mit euren wahren Nöten und Fragen, daß sie in der Woche oder auch am Sonntag, im Saal oder auch in der Kirche verhandelt werden, mit aller Aufrichtigkeit und Freiheit, die ja wahrlich nicht Frechheit, sondern Demut ist. Eure Fragen sind unsere Fragen. Sie sollen in der Gemeinde, im kleinen Kreise, unter vier Augen beantwortet - oder, was oft viel mehr Wert ist, unbeantwortet gemeinsam ausgetragen und in Liebe zueinander verwandt werden. Das ist Notgemeinde. An ihr muß sich erweisen, ob Luthers elementarer Durchbruch aus der Gewissensnot zur Freiheit eines Christenmenschen das war, was manche meinen: nämlich eine geistesgeschichtliche Katastrophe - oder aber ob dieser Schritt aus der tiefsten Not zur höchsten Verantwortung ewig gültig ist, gerade heute neu getan werden muß.

Das war es, was mich stundenlang durch die Trümmerstraßen von Berlin trieb. 40 Notkirchen! Wird es 40, ach nein: wird es 10, oder auch nur 5 solcher Not-Gemeinden geben? Wenn nicht, so will und muß ich den wunderbaren Auftrag in die Hände der großmütigen Stifter zurücklegen. Ich bin alt genug, um kein Schütteln des Kopfes, kein Murren und auch keinen Bannstrahl zu fürchten. Ich bin zu alt, um ein ziemlich langes und um die Echtheit der Baugestalt ringendes Leben mit einer Lüge abzuschliessen, und sei es mit einer Lüge des Schweigens. Denn jetzt weiß ich, und bekenne ich, daß Form nicht ist ohne Geist, und Notkirche nicht ist ohne Notgemeinde.

Und so fing ich an, von Bauort zu Bauort zu fahren, die Bauplätze, das Material und die Mittel zu prüfen - und die Bereitschaft der Gemeinden. Auch den Zustand der Ruinen, denn oft lassen die Elemente der Notkirche sich merkwürdig einfügen. Ich hoffe, eines Tages eine Anzahl solcher Bauten zeigen und dabei auch die Namen all der eifrigen Helfer und Mitarbeiter in rechter Weise nennen zu dürfen, nicht zuletzt auch die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Züricher Ingenieur Dr. E. Staudacher. Denn zu ihm und in die Schweizer Werkstätten, auch zu den verschiedenen Stifter-Gruppen nach Genf führte jetzt der rastlose Weg. Immer wieder aber zurück zu den bauenden Gemeinden, mit der Frage im Herzen, ob sie wohl Notgemeinden seien und über dem neuen Bauen neue Gemeinden würden.

Heute bin ich still geworden und ruhig. Und wenn Stimmen laut werden, wie jene der Jünger Jesu, die murrten, da ein Weib sein Haupt salbte, und sprachen: ,,Wozu diese Vergeudung? Hätte nicht das Wasser (sic!) verkauft und der Erlös den Armen gegeben werden mögen?" - so läßt sich dazu getrost sagen: auch die 4000 und die 400000 Notwohnungen müssen und werden gebaut werden. Damit es aber recht Notwohnungen, das heißt, Wohn- und Arbeitsstätten für ein neues, freies, aufrichtiges Leben werden, braucht es, neue, freie und aufrichtige Menschen. Und sehet: in diesen 40, in diesen 10, in dieser einen neuen Kirche geht es um neue, freie und aufrichtige Menschen.

Darum bauen wir Notkirchen.

(Entnommen dem Buch "50 Jahre Otto-Bartning-Kirchenprogramm - Dokumentation der 48 Gemeindezentren und Diaspora-Kapellen" von Frauke Kohnert. Das Buch ist nicht im Handel erhältlich - Sie können es hier online lesen.)

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